Deutschland macht mobil Episode 7: „Europa antwortet auf Putins hybriden Krieg“ Die Drohnensichtungen des Sommers 2025 waren ein Dauerbrenner der medialen Berichterstattung. In der letzten Episode ging es darum, wie Politik und Öffentlichkeit anhand dieser Vorfälle ihr Publikum davon überzeugen wollten, dass „wir alle als Deutsche“ persönlich das Ziel von Putins Angriff sind; also um eine Aktualisierung und Schärfung der Feindbild-Propaganda über Russland. Die deutsch-europäische Antwort auf Russlands hybriden Krieg beschränkt sich aber nicht nur auf solche propagandistischen Glanzleistungen. In der aktuellen Episode soll ein Blick darauf geworfen werden, was einige europäische Staatsführer tatsächlich militärpolitisch voranbringen, wenn sie notorisch auf Putins hybriden Krieg verweisen. Das betrifft als Erstes die Landgrenze zu Russland und Belarus: Dass die 19 russischen Drohnen unbewaffnet waren und durch ukrainisches Jamming fehlgeleitet seien könnten, dass Polen von der belarussischen Seite über den Irrflug informiert und vorgewarnt wurde, all das ist erst Tusk, dann Merz und Co völlig egal. Europas Staatsführer machen das Ihre aus diesem Vorfall, nämlich einen Akt der Feindseligkeit Russlands gegen sie, der schon ziemlich nah an eine direkte Kriegsaktion gegen die NATO heranreicht und unbedingt nach einer offensiven Antwort verlangt: Polen ruft NATO-Beratungen nach Artikel IV auf, findet bei den maßgeblichen europäischen NATO-Partnern Zustimmung und alle zusammen kriegen beim NATO-Oberkommando glatt durch, dass der Drohnen-Vorfall zum Anlass genommen wird, binnen weniger Tage die unbefristete Mission „Eastern Sentry“ ins Leben zu rufen: Angetrieben von den europäischen Russen-Feinden, verstärkt die NATO qualitativ und quantitativ ihre Luftverteidigungs-Kapazitäten, verdoppelt die Zahl der Abfangjäger und stellt alle unter das gemeinsame Kommando des NATO-Oberbefehlshabers. Diese europäisch initiierte NATO-Mission ist eine offensive militärpolitische Mitteilung der Scharfmacher unter den europäischen Nato-Staaten, erstens an Russland selbst und zweitens an die übrigen Nato-Mitglieder: Der demonstrative und im Verlauf des Ukraine-Kriegs geschärfte Kriegswille gegen Russland – ist immer noch Sache der gesamten NATO, Trump hin oder her. Mit ihr, der NATO, und ihrer gesamten Streitmacht bekommt es Russland wegen seiner Provokationen zu tun. Merz und Co nehmen die Drohnen- oder Luftraum-Vorfälle ganz auf ihre Weise zur Gelegenheit, im Herbst 2025 das akut zuzuspitzen, was seit 2022 als Gesamtstrategie der NATO vorliegt: ein lückenloser Militäraufmarsch gegen Russland von Norwegen bis zum Schwarzen Meer mit laufend vergrößerten Land- und Luftstreitkräften[1]. Mit der zwischenzeitlichen Aufnahme von Schweden und Finnland ins Bündnis ist die Front an der Ostgrenze vervollständigt und durch deren militärische Potenzen substanziell verstärkt. In den baltischen und osteuropäischen Frontstaaten sind mittlerweile erhebliche Kontingente mit Bodentruppen und Luftwaffen[2]-Geschwader fest stationiert und in Kampfbereitschaft versetzt. Und auch da tut sich Deutschland hervor und will mit dem Aufbau seiner Litauen-Brigade ganz vorne und in herausgehobener Rolle dabei sein, wenn Krieg gegen Russland tatsächlich fällig ist. Geübt wird dieser Krieg jedenfalls schon ausgiebig, im Herbst 2025 mit 3 gleichzeitig stattfindenden Groß-Manövern[3] unmittelbar an der Grenze zu Russland. Dabei stellt Deutschland mit dem Manöver Quadriga seine besonderen Fähigkeiten für einen Krieg gegen Russland unter Beweis: Die Bundeswehr ist nicht nur Truppensteller sondern sorgt als logistische Drehscheibe sowohl auf dem Land- wie dem Seeweg dafür, dass die Bündnis-Armeen an die Ostfront verlegt werden können. Ein weiterer Schauplatz des Aufmarschs ist schon seit längerem die Ostsee: Auch hier lautet die Diagnose der deutschen Regierung seit einiger Zeit „Putin führt einen hybriden Krieg gegen Deutschland. Wir müssen uns wehren“[4] Und auch hier hatte sie zusammen mit den europäischen NATO-Staaten mit der Mission „Baltic Sentry“ eine prompte Antwort parat, die auf einen schon länger stattfindenden militärischen Aufmarsch aufgebaut hat. In dessen Verlauf hat Russlands sogenannte Schattenflotte eine steile Karriere gemacht: Sie war ursprünglich von Russland geschaffen worden, um auf die Behinderung der russischen Ölexporte durch EU-Sanktionen zu reagieren. Die EU-Staaten erklärten diesen Versuch Russlands, ihrer ökonomischen Strangulierung auszuweichen, kurzerhand zu einem Teil der russischen hybriden Kriegsführung und verdächtigten die Flotte unter anderem der Sabotage von Untersee-Kabeln. Ihren Kontroll-Anspruch haben sie zügig so verstanden, dass sie nicht nur verdächtige Tanker vor Ort sondern die gesamte russische Handelsschifffahrt in der Ostsee überprüfen müssen. Und sie haben es nicht beim Kontrollieren und gegebenenfalls Festsetzen von Tankern auch außerhalb ihrer Hoheitsgewässer durch ihre nationalen Küstenwachen belassen - sondern die NATO mit der Aufgabe befasst, die von ihnen behaupteten russischen Umtriebe zu unterbinden. Die beschloss im Januar 2025 mit „Baltic Sentry“ eine dauerhafte Mission zur flächendeckenden Überwachung der Untersee-Infrastruktur und Bekämpfung von Sabotage-Akten unter der Leitung einer neugeschaffenen NATO-Basis in Rostock. Die zugehörigen kampfbereiten Kriegsschiffe und Marine-Flieger können binnen Stunden an jedem Ort eingreifen, um jedes verdächtigte Objekt zu stellen, egal ob zivil oder militärisch. Das betrifft nicht nur die russische Handelsschifffahrt, die zu einem erheblichen Teil über Ostseehäfen abgewickelt wird, sondern auch die Handlungsfreiheit der russischen Marine. Dementsprechend häufen sich die Zwischenfälle[5] knapp unterhalb einer direkten militärischen Konfrontation. Das ist aber nur konsequent, denn durch den Beitritt von Schweden und Finnland sind mittlerweile alle Ostsee-Anrainer NATO-Mitglieder und haben ihre Flotten zu einer kombinierten See-Streitmacht gegen Russland aufgerüstet. Zusammen beanspruchen die europäischen-NATO-Staaten die Ostsee als ihren strategischen Besitzstand und das wird nicht nur offen ausgesprochen[6] sondern tagtäglich durchgesetzt. Deutschland beschränkt sich mit seinen militärischen Aufmarsch aber nicht nur auf Nord- und Ostsee sondern erweitert sein militärisches Betätigungsfeld um den Nordatlantik. Dort hat die NATO mit ihrem geballten Aufmarsch schon immer versucht, den Zugang der russischen Flotte und insbesondere ihrer nuklear bewaffneten U-Boote zum Nordatlantik[7] flächendeckend zu überwachen, um sie jederzeit verfolgen und gegebenenfalls neutralisieren zu können. Sich daran im Rahmen des Bündnisses mit den üblichen Hilfsleistungen zu beteiligen, reicht der deutschen Regierung aber gar nicht mehr. Sie hat ihre Flottenverbände inklusive U-Boote und Marine-Flieger[8] massiv aufgerüstet. Und sie schließt zusätzlich bilaterale militärische Kooperationsverträge mit den Anrainernationen Großbritannien, Island und Kanada[9] und baut dort dauerhafte Stützpunkte auf. Der Nordatlantik mag zwar bisher schon mit gewaltigen US-Flottenverbänden abgeriegelt sein, nur will Deutschland unbedingt auch auf diesem strategisch entscheidenden Kriegsschauplatz mit selbstverantworteten militärischen Fähigkeiten mitmischen. Und geübt hat die NATO ihren Aufmarsch gegen Russland im Nordatlantik in diesem Sommer natürlich auch: mit einem großangelegten Manöver vor der norwegischen Küste inklusive simuliertem Atomwaffen-Angriffs. Als russische Atom-U-Boote dieses Manöver wie üblich ausspähen wollten, wurden sie mit einer großangelegten Verfolgungsjagd aufgebracht und knapp unterhalb einer bewaffneten Konfrontation vertrieben[10]. Die NATO demonstriert damit die Festigung ihrer militärstrategischen Kontrolle des Nordatlantiks und ihre Bereitschaft, für die praktische Durchsetzung dieses Anspruchs keine militärische Eskalation zu scheuen. Die Fortschritte dieses militärischen Aufmarschs sind im Wesentlichen ein Werk der europäischen NATO-Staaten mit Deutschland an der Spitze. Und sie marschieren nicht einfach nur mit ihren Armeen auf, sondern sie konfrontieren die russische Führung und ihr Militär an allen Stellen, an denen es gestellt wird, mit dem Anspruch, dass es nirgendwo in Europa mehr geduldet wird. Dabei scheuen sie keine praktische Eskalation und beteuern regelmäßig ihre Kriegsbereitschaft. Und damit bestreiten sie der Atommacht Russland seinen Anspruch als Weltmacht. Diese von den Europäern betriebene Eskalation der Androhung überlegener Gewalt baut auf und lebt vom vorher beschriebenen Aufmarsch der NATO an ihrer Ostflanke, der bisher ein Gemeinschaftswerk zusammen mit den USA war. Seit der zweiten Amtszeit von Donald Trump besteht allerdings endgültig eine substanzielle Uneinigkeit zwischen der Führungsmacht und den europäischen Mitgliedstaaten hinsichtlich der polit-strategischen Zielsetzung ihrer Feindschaft zu Russland. Die USA sehen die nukleare Weltmacht Russland nicht mehr als ihren strategischen Hauptfeind an. Trump kann im Stellvertreter-Krieg in der Ukraine keinen relevanten Nutzen für Amerika entdecken sondern nur immense Kosten. Dagegen haben sich die Europäer und allen voran Deutschland anhand des Ringens mit Russland, wem die Ukraine gehört, mittlerweile dazu vorgearbeitet, dass sie eine militärische Konfrontation für unausweichlich halten. Da stellt sich natürlich die Frage, warum Russlands Macht so unvereinbar mit der europäischen Friedensordnung ist und warum sie seine Macht nicht mehr dulden wollen? Und umgekehrt, warum Amerika unter Trump eine militärische Konfrontation mit Russland zumindest in der Ukraine für überflüssig erklärt. Aber das wollen wir in den nächsten Episoden klären.